ATLANTIKÜBERQUERUNG 11.-30. Januar 2009

30. Januar 2009, Freitag
22° 16' 7" N, 34° 6' 5" W


1.Tag auf See.
Wie ein Schmetterling, dem eine Laune der Natur, einen bunten und einen weißen Flügel geschenkt hat, breitet Odin am 11. Januar gegen mittag in Las Palmas ihre Segel aus und fährt zusammen mit unseren Freunden vom Schwesterschiff Cayenne, mit einem Affenzahn in Richtung Süden, wo wir hoffen, die Passatwinde zu finden, die uns die 2700 Seemeilen Richtung Westen in die Karibik, nach Martinique tragen sollen.

Gleich am ersten Tag ging einiges schief.
Beim Auslaufenn hatte sich eine Mooring Leine im Bugstrahlruder verfangen, Ekki bekam beim Ausbaumen fast den Spibaum gegen den Kopf, konnte sich aber noch blitzartig ducken und in der ersten Nacht brach uns genau dieses wichtige Ausrüstungsteil, der Spibaum, als eine Welle das Schiff aus der Bahn warf. SUPER START!

2.Tag auf See
Neptun schenkt uns als kleines Trostpflaster einen super lecker riesen Thunfisch und auch über zu wenig Wind können wir uns nicht beklagen!

3.Tag auf See
Nach einem Tag Berechnungen und Überlegungen, gelang es uns trotz hoher Wellen und elendem Geschaukel den über 4 Meter langen Spibaum wieder zu reparieren und quer zum Schiff zu montieren. Wir sind stolz auf uns!
Allerdings ist jetzt Cayenne in den Weiten des Atlantiks verschwunden und wir starten eine rasante Aufholjagd in die Nacht.

4. Tag auf See
Mit einem Tempo von bis zu 16,4 Knoten schießt Odin durch die Wellen, Plankton phosphorisiert im Heckwasser und erzeugt das magische Leuchten wie von millionen und abermillionen Leuchtkäfern. Grün und unwirklich!
Nach 2 Tagen hatten wir Cayenne wieder bis auf Funknähe eingeholt.

5. Tag auf See
Das Meer hat sich so hoch aufgebaut, daß die Wellenhöhe teilweise über 8 Meter beträgt und ein plötzlicher Squall, sowie eine Quersee, Odin aus dem Kurs drücken.
Das Vorsegel an Steuerbord schlägt mit voller Wucht auf die falsche Seite…und PENG, der zweite Spibaum bricht mit einem lauten Knall.
Glück im Unglück, ich saß zum Zeitpunkt des Bruchs hinter dem Eisengestänge der Sprayhood, sonst hätte mir der Baum wohl den Schädel etwas derangiert.
An eine Reperatur ist bei dem Seegang nicht zu denken, also fahren wir erst mal nur mit einem Baum weiter, auf der Suche nach dem Passat Wind, den wir doch eigentlich schon erreicht haben sollten.

7.Tag auf See
Spibaum trotz der hohen Welle repariert, ( wir sind mal wieder, zu recht, stolz auf uns).
Was das Wetter betrifft, anscheinend haben wir die Ausläufer des Sturmtiefs im Nordatlantik doch erwischt.
ENTwischt hingegen ist uns erst mal wieder Cayenne und somit unsere Wetterstation.

8.Tag auf See
Bei 18 Grad nördlicher Breite erreichen wir endlich den ersehnten Passat, doch schade, daß dieser nicht lesen kann, sonst hätte er nachlesen können, daß er normalerweise nur mit 15-20 Knoten zu wehen hat und mit einer Wellenhöhe von 1-2 Metern.
Ich versuche es ihm zu erklären, aber er versteht anscheinend kein Deutsch!
So werden wir seit Tagen durchgeschüttelt, aber haben dennoch unseren Spaß, an den immer wieder neuen Wellenformationen durch die Odin Tag und Nacht hindurchpflügt, immer Kurs Richtung Westen, jeden Abend in die traumhaft untergehende Sonne.

9.Tag auf See
Ich bewundere Ekki, der bei diesem Wellengang unermüdlich in der Küche, Verzeihung „Pantry“ steht und kocht.
Das Schiff pendelt 30 Grad nach links, dann 30 Grad nach rechts, beschleunigt auf dem Wellengipfel rasant und wird im Tal hart gebremst.
Der arme Smutje wird hin und her gebeutelt und ist mittlerweile mit blauen Flecken am ganzen Körper dekoriert, freut sich aber immer wieder wie ein Schnitzel, wenn ihm seine Malzeit gelungen ist.

10. Tag auf See
Der Passat hat heute endlich seine Pflicht getan und so geweht wie er sollte.
Traumhaft, alles was man jemals positives über diesen Wind schrieb stimmt.
Es ist ein Gefühl des Segelns, welches fast als schwerelos zu bezeichnen ist..
Wir sitzen im Cockpit, zur Feier des Tages jeder mit einer Dose Bier,
Rod Steward singt „Sailing“ mitten im nirgendwo des Atlantiks und wir grinsen uns an und freuen uns des Lebens.

11.Tag auf See
Eines ist sicher: Verhungern werden wir auf dem Meer wohl kaum!
Jeden Morgen finden wir als Geschenk Neptuns jede Menge fliegender Fische an Deck, die auf der nächtlichen Flucht vor Raubfischen sich wohl etwas in der Flugbahn verrechnet haben.
Danke Neptun, nett gemeint, doch wir haben noch ausreichend Verpflegung und so müssen wir die doch sehr fischig stinkenden Viecher lediglich über Bord werfen.
Ich bin mir sicher, da unten gibt’s welche, die freuen sich mehr als wir!

12.Tag auf See
Nachtwache! Ich liege im Cockpit, der Mond ziert sich noch mit seinem Erscheinen und über mir, am Firmament, leuchten millionen von Sternen, in einer Klarheit und Brillianz, wie geschliffene Diamanten auf schwarzem Samt.
Ich habe alle Navigationslichter ausgeschaltet, damit nichts anderes, als diese fernen Edelsteine die Nacht erhellen.
Ich versuche mir die Unendlichkeit des Universums vorzustellen, unser Sonnensystem, von dem es in unserer Galaxie über100 Milliarden gibt und über100 Milliarden Galaxien.
100 Milliarden mal 100 Milliarden, eine Zahl bei der mir schwindelig wird!
Und wer sagt, daß das Universum einmalig ist?
Was wenn Stephen Hawkin, dieses geniale Hirn im Rollstuhl Recht hat und wirklich parallele Welten existieren…..
STOP, das reicht, zu viele Gedanken in einer solch phantastischen Nacht!
Ich betrachte die Sterne einfach wieder als wunderbare Diamanten auf schwarzem Samt und freue mich an ihrer Schönheit und Existenz!






13. Tag auf See

Als Abschiedsgeschenk, erhielt ich von Soazic Assel, im Namen der kompletten Moderations Crew, eine Flaschenpost, mit der Anweisung, diese erst dann ins Meer zu werfen, wenn ich glaube, meinem Traum am nähesten gekommen zu sein.
Ich denke, der Moment ist hier, mitten auf dem Atlantik!
Auf 16 Grad 20 Minuten 975 Sekunden Nord und 43 Grad 06 Minuten 318 Sekunden West
Übergebe ich die Flaschenpost, die ich über 500 Tage an Bord hatte, mit ihren Wünschen dem ewigen Ozean.
Mögen sie mir und euch Glück bringen!

14.Tag auf See
Es läuft einfach phantastisch und wenn wir weiter so dahindüsen, erreichen wir noch im Januar, wenn auch am letzten Tag, am 31. Martinique.

15. Tag auf See
Das Auf und Ab der Wellen, das Ein- und Ausreffen der Segel, bei den unberechenbaren Squalls, das ständige rollen der Yacht, all dies ist Alltag geworden und fast kann man sich nicht mehr vorstellen, daß es je anders war.
Wir fühlen uns als Teil dieses wundervollen Meeres, von ihm getragen, beschützt und dennoch total ausgeliefert.
Seit vielen Tagen die totale Einsamkeit.
Kein anderes Schiff zu sehen, kein Funkkontakt, nicht einmal die Kondenzstreifen von Flugzeugen am blauen Himmel.
Wundervolle Einsamkeit!

16. Tag auf See
Schlafen auf hoher See muß man sich so vorstellen:
Du liegst auf einem Bett, welches sich auf der Ladepritsche eines LKW´s befindet, der auf einem Parkplatz Schlangenlinie fährt, dazu abwechselnd voll beschleunigt und abbremst.
An jedem Bettende steht je ein Möbelpacker, der zum Takt seiner Lieblingsmusik seine Ecke auf und niederhebt.
Überflüßig zu erwähnen, daß jeder der Jungs ein anderes Lied hört, natürlich mit anderem Takt!
Trotzdem schafft es dein Organismus, sich daran zu gewöhnen und seelig einzuschlummern.
In dem Moment wo du geweckt wirst, brauchst du sogar einige Sekunden, um das Schaukeln zu realisieren. Faszinierend!
Anders ist dies allerdings bei Starkwind, denn dann bist du nur damit beschäftigt dich in der Matratze festzukrallen, wie eine junge Katze, die man in die Gardinen geworfen hat.
Und wehe dir, du vergisst dies einen Moment, dann geht es dir wie Ekki, der quer durch seine Kabine geflogen ist und sich schmerzhaft sämtliche rechte Rippenbögen prellte.
Ein Andenken an diese Reise, welches er noch lange haben wird.

17. Tag auf See
Zwar haben wir noch jede Menge von dem großen Thunfisch, den wir gleich in den ersten Tagen dieser Reise gefangen haben, aber so ne leckere Golddorade oder Mahu Mahi wäre doch was Feines.
Kaum hatten wir den Haken eine Stunde hinter dem Schiff im Wasser, hatten wir auch schon nen Biss.
Wie bestellt!
30 Minuten später war das schöne Tier geborgen, mit nem Stich in den Kopf getötet und filetiert.
Es scheint, als ob Neptun, Poseidon und alle Meeresgötter ihrem Kollegen Odin wohl gesonnen sind!

18.Tag auf See
Stoffwechselendproduktausscheidungsergebniss. (Scheiße!)
Heute hat mitten in der Nacht, bei starkem Wind und unangenehmer Welle unser treuer Autopilot seinen Dienst aufgegeben.
Ich hole Ekki aus Morpheus Reich und setze ihn erst mal in Unterhose, verschlafen wie er noch ist, im strömenden Regen ans Steuer, Kurs halten.
Es gelingt mir leider nicht, in dieser Nacht, eine Alternative zusammen zu basteln, also heißt es erst mal, die ganze Nacht von Hand Ruder gehen.
Den Blick stur auf den Kompass bei 270 Grad.
Man hat fast Angst, man wir blöd dabei.
Ringsum stockfinster, der Regen prasselt dir ins Genick und vom Kompass strahlen dir 270 Grad entgegen.
Jede Welle wirft dich aus dem Kurs und du bist nur am Kurbeln um die 270 zu halten.
Spätestens jetzt begreifst du, was der gute Autopilot eigentlich für wertvolle Dienste leistet!
Am nächsten Mittag hat sich das Meer beruhigt und es gelingt mir, als legitimer Nachfolger von MacGiver, den Autopiloten wenigstens so hinzubekommen, daß er Kurs hält und uns vom Ruder gehen befreit.
Nöööö, langweilig ist so ne Atlantiküberquerung nicht!!!

19.Tag auf See
Gischt stobt am Bug auseinander und das Heckwasser gurgelt wie ein Wildwasserbach.
Odin pflügt in den letzten Sonnenuntergang ihrer Atlantiküberquerung.
20 Uhr UTC und noch genau 100 Seemeilen bis zu unserem ersten Ziel in der Karibik: Martinique!
Hoch über uns, die ersten Vorboten von Landnähe, Möven!
Wir hoffen bei Sonnenaufgang endlich mal wieder, nach all dem Blau des Wassers und des Himmels die Farbe Grün zu sehen und wir freuen uns fast noch mehr darauf, wieder mal eine Nacht durchzuschlafen.

20 Tag auf See
Nach 19 Tagen Fahrt fällt heute am 30.Januar um 10 Uhr der Anker in der Bucht von Le Marin.
Müde aber glücklich machen wir uns zunächst ans Aufräumen, beschließen dann aber doch lieber mit unseren Freunden von der Cayenne, die bereits gestern Abend angekommen sind, die gelungene schnelle Überfahrt zu feiern.
Übrigends hatte es bei ihnen, in Anbetracht der großen Strecke, auch kaum Bruch gegeben, lediglich das große Balooner Segel wurde komplett zerfetzt.
Irgendwie fühlen wir uns wie nach einem ersten Bungeesprung, denn das zufriedene Lächeln wird wohl noch einige Tage auf unserem Gesicht zu sehen sein!

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